Wir müssen die Beziehung zwischen Landwirtschaft und dem Klima neu überprüfen.

von Indigo CEO - David Perry 

Heute trägt der Agrarsektor bedeutend zu den Herausforderungen bei, denen unsere Umwelt gegenübersteht: Verschlechterung der Böden, Erschöpfung von Grundwasserleitern, Ausschwemmung von Stickstoff, Treibhausgasemissionen – um nur einige zu nennen. Diese Herausforderungen tragen mit dazu bei, die Zusammensetzung unserer Atmosphäre zu verändern. Im vergangenen Monat verzeichneten Wissenschaftler die höchste CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre in der Menschheitsgeschichte: 415 ppm (Teile pro Million). Dies bedeutet eine Steigerung um 135 ppm seit Beginn der industriellen Revolution. Multipliziert mit dem Gesamtvolumen der Atmosphäre ist 135 ppm gleichbedeutend mit 1 Billion t – einer Teratonne – Zunahme an Kohlenstoffdioxid über die letzten 200 Jahre.

Trotz der Rolle, die er mit seinem Beitrag heute für das Problem spielt, bietet der Agrarsektor gleichzeitig die am besten skalierbare, unmittelbarste und günstigste Lösung, um Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre zu binden. Diese Lösung macht sich den natürlichen Prozess zunutze, den jede Pflanze durchlebt und der durch eine Quelle angetrieben wird, die immer verfügbar ist, deren Betrieb sehr wenig kostet und die keine weitere Verschmutzung verursacht. Diese Energiequelle ist die Sonne, und der Prozess ist die Fotosynthese.

Pflanzen entnehmen der Luft Kohlenstoffdioxid und verwandeln dieses mithilfe von Sonnenlicht und Wasser in Formen von Zucker. Jedes Stück dieser Pflanze – Stängel, Blätter, Wurzeln – besteht aus Kohlenstoff, der sich einmal in unserer Atmosphäre befand. Ein Teil dieses Kohlenstoffs geht in Form von Wurzeln in den Boden. Diese Wurzeln geben Zucker ab und ernähren damit Mikroorganismen im Boden. In diesen Mikroorganismen laufen eigene chemische Prozesse ab, die den Kohlenstoff in noch stabilere Formen umwandeln.

Wir haben ein Problem in der Größenordnung von 1 Billion t, das sich nicht durch die Fotosynthese einer einzelnen Pflanze bekämpfen lässt. Doch im Hinblick auf den Agrarsektor sprechen wir nicht über eine einzige Pflanze – wir sprechen über Zehntausende von Pflanzen pro Hektar und 1,4 Milliarden Hektar Ackerfläche weltweit. Alle diese Flächen hatten, bevor sie kultiviert wurden, ein Bodenkohlenstoffniveau zwischen 3 % und 7 %. Heute liegen sie bei grob 1 % Kohlenstoff. Würde jeder Hektar Anbaufläche auf ein Bodenkohlenstoffniveau von lediglich 3 % zurückgeführt, würden 1 Billion t Kohlenstoffdioxid aus der Atmosphäre gebunden und im Boden eingelagert. Wiederum eine Teratonne. Die Größe der möglichen Lösung entspricht der Größe des Problems.

Die Rückführung von Kohlenstoff in den Boden

Wie steigern wir nun den Kohlenstoffgehalt im Boden, während wir gleichzeitig das Land bewirtschaften? Ein kleiner Prozentsatz von Landwirten praktiziert dies bereits, indem sie sogenannte „regenerative“ Verfahren nutzen. Fünf wichtige regenerative Verfahren sind die Pflanzung von Deckkulturen, eine pfluglose Bodenbewirtschaftung, Fruchtwechsel, Reduzierung von Chemikalien und Düngemitteln sowie die Einbeziehung der Viehhaltung. Diese Verfahren treiben nachweislich Kohlenstoff in die Böden und halten ihn dort. Die daraus resultierenden kohlenstoffreicheren Böden sind gesünder, zeigen bessere Widerstandsfähigkeit gegen extreme Wetterbedingungen, eine bessere Wasserdurchlässigkeit, eine höhere Vielfalt an Mikroorganismen, höhere Erträge, einen geringeren Bedarf an Düngemitteln und Pestiziden und sogar noch nährstoffreichere Ernten – alles besser für das Land und besser für das Ergebnis der Landwirte.

Wenn Landwirte den gesellschaftlichen Nutzen der Bindung von Kohlenstoff in der Atmosphäre leisten, indem sie regenerative Verfahren einführen, scheint es nur vernünftig, dass sie für ihre Anstrengungen eine Kompensation erhalten. Wenn CO2 mit 15 bis 20 US-Dollar pro Tonne bepreist wird und Erzeuger, die regenerative Verfahren einführen, jedes Jahr 2 bis 3 Tonnen CO2 pro Hektar binden können, bedeutet dies zusätzliche 30 bis 60 US-Dollar pro Hektar und Jahr für ihr Ergebnis. Diese Steigerung der Rentabilität wird weiter ergänzt durch die wirtschaftlichen Vorteile des Übergangs zu regenerativen Verfahren wie geringere Kosten für Düngemittel und Pestizide und höhere Erträge.

Das Potenzial zur Bindung von 1 Billion t Kohlendioxid aus der Atmosphäre liegt in unseren Händen. Wir sind nicht auf neue technologische Durchbrüche angewiesen. Wir wissen jetzt und heute, wie es geht. Wir müssen uns nur entscheiden, gemeinsam, dass wir es umsetzen wollen. Dies ist von ihrem ganzen Wesen her eine gemeinsame Anstrengung, denn die Kosten des Übergangs der Landwirtschaft weltweit zu regenerativen Verfahren können nicht allein auf die Landwirte zurückfallen. Es braucht Verbraucher, Unternehmen und Regierungen, die fordern, dass Lebensmittel auf klimafreundliche Art angebaut werden und Bauern für ihre verantwortliche Rolle bezahlt werden.

Um es deutlich zu sagen, ich behaupte nicht, dass eine alleinige Konzentration auf landwirtschaftliche Böden ausreicht, um dem Klimawandel zu begegnen. Wir müssen nach wie vor Emissionen senken. Wir benötigen nach wie vor Energiesysteme, die nachhaltig sind. Und wir benötigen ein breites Bewusstsein dafür, wie jeder einzelne seine CO2-Bilanz senken kann. Doch wenn die Bindung und Einlagerung von Kohlenstoffdioxid in den Böden der Erde mit einer Reduzierung unserer Emissionen kombiniert wird, haben wir eine reale Hoffnung, nicht einfach nur unseren Marsch bis an die Klippe des Klimawandels abzubremsen, sondern ihn zu stoppen, umzudrehen und in die andere Richtung zu gehen.